Wie Inflation gemessen wird
Die Inflationsrate ist eine Durchschnittsgröße. Wer sie versteht, kann besser einordnen, warum die eigene Erfahrung davon abweicht.
Microsoft Katja (Neural, deutsch)
Jeden Monat meldet das Statistische Bundesamt eine Inflationsrate. Sie beschreibt, wie sich die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat verändert haben — und sie weicht regelmäßig von dem ab, was Haushalte an der Kasse wahrnehmen. Das liegt an der Konstruktion der Zahl.
Der Warenkorb
Grundlage ist ein Warenkorb aus mehreren hundert Güterarten, von Lebensmitteln über Mieten bis zu Versicherungen. Jede Position ist mit einem Gewicht versehen, das ihrem Anteil an den Ausgaben eines Durchschnittshaushalts entspricht. Wohnen und Energie wiegen deshalb schwer, Zeitschriften kaum.
Wer deutlich anders lebt als dieser Durchschnitt — etwa ohne Auto, mit hoher Miete oder mit Kindern — erlebt eine andere Teuerung als die veröffentlichte Rate. Die Statistik ist damit nicht falsch, sie beantwortet nur eine andere Frage als die nach dem eigenen Haushaltsbudget.
Vorjahresvergleich und Basiseffekt
Die Rate misst den Abstand zum selben Monat des Vorjahres. War dieser Vormonat außergewöhnlich teuer, fällt die aktuelle Rate niedriger aus, selbst wenn die Preise gerade steigen. Dieser Basiseffekt erklärt viele scheinbar widersprüchliche Meldungen: Eine sinkende Inflationsrate bedeutet nicht sinkende Preise, sondern langsameren Anstieg. Fallende Preise wären Deflation — ein anderes und für Volkswirtschaften riskanteres Phänomen.
Kerninflation
Weil Energie- und Nahrungsmittelpreise stark schwanken, betrachten Notenbanken zusätzlich die Kerninflation, die diese Positionen ausklammert. Sie gilt als besserer Indikator für den zugrundeliegenden Preisdruck, etwa aus Löhnen und Dienstleistungen. Für den Haushalt ist sie wenig aussagekräftig, für geldpolitische Entscheidungen umso mehr.
Was die Notenbank damit macht
Die Europäische Zentralbank strebt mittelfristig eine Teuerung von zwei Prozent im Euroraum an. Liegt die Rate darüber, kann sie die Leitzinsen anheben: Kredite werden teurer, Investitionen und Konsum werden gebremst, der Preisdruck lässt mit Verzögerung nach. Diese Verzögerung — Ökonomen sprechen von langen und variablen Wirkungsverzögerungen — ist der Grund, warum Zinsentscheidungen sich an Prognosen orientieren und nicht am aktuellen Monatswert.
Für die Einordnung von Meldungen genügt oft eine Frage: Handelt es sich um die Gesamtrate, die Kernrate oder um Erzeugerpreise, die dem Verbraucherpreis vorlaufen? Die drei Größen erzählen selten dieselbe Geschichte.