Wenn die Alarmrotte startet: Wie der Luftraum überwacht wird
Über der Ostsee steigen regelmäßig Kampfjets auf, um fremde Militärmaschinen zu identifizieren. Das Verfahren dahinter ist immer dasselbe — und enger geregelt, als die Meldungen vermuten lassen.

Microsoft Katja (Neural, deutsch)
Meldungen über abgefangene Militärflugzeuge über der Ostsee kehren in kurzen Abständen wieder. Sie klingen nach Ausnahmezustand, beschreiben aber einen eingeübten Ablauf, der seit Jahrzehnten nach denselben Regeln funktioniert.
Wann ein Flug auffällig wird
Drei Auslöser führen dazu, dass ein Flugzeug als unbekannt gilt: Es hat keinen Flugplan aufgegeben, sein Transponder sendet keine Kennung, oder es antwortet der zivilen Flugsicherung nicht mehr auf Funk. Trifft eines davon zu, meldet die Flugsicherung den Flug an die zuständige militärische Führungsstelle. Für den nördlichen Teil des Bündnisgebiets sitzt diese im nordrhein-westfälischen Uedem, wo die NATO ihr Combined Air Operations Centre betreibt. Dort fällt die Entscheidung, ob Jets aufsteigen.
Zwei Jets, fünfzehn Minuten
Für diesen Fall hält jedes Bündnisland eine Alarmrotte bereit: zwei bewaffnete Abfangjäger, rund um die Uhr, an sieben Tagen der Woche. Nach der Alarmierung sind sie binnen fünfzehn Minuten in der Luft. Deutschland stellt sie mit Eurofightern an zwei festen Standorten — im Norden Wittmund, im Süden Neuburg an der Donau; als Ausweichplätze dienen Nörvenich und Laage. Getragen wird der Dienst von den Taktischen Luftwaffengeschwadern 71 und 74.
Was Abfangen bedeutet
Der Begriff führt in die Irre. Die Jets nähern sich der unbekannten Maschine, identifizieren sie sichtbar, dokumentieren Typ und Kennung und begleiten sie ein Stück. Kommunikation läuft über Funk oder, wenn der stumm bleibt, über festgelegte Handzeichen und Flugmanöver. Ein Waffeneinsatz ist nicht vorgesehen und wäre nur unter sehr engen Voraussetzungen zulässig.
Der Unterschied zwischen Provokation und Rechtsbruch
Über der Ostsee liegt zu großen Teilen internationaler Luftraum. Dort dürfen auch Militärmaschinen fliegen, und dort ist es nicht verboten, den Transponder abzuschalten. Genau das tun russische Aufklärungsflugzeuge fast immer — für die zivile Flugsicherung sind sie damit unsichtbar, was den Luftverkehr gefährdet, aber für sich genommen keinen Rechtsbruch darstellt. Eine Luftraumverletzung liegt erst vor, wenn eine Maschine ohne Erlaubnis in den Hoheitsluftraum eines Staates eindringt: also über dessen Gebiet und dessen Küstengewässer.
Diese Unterscheidung entscheidet über die Reaktion. Beim Flug im internationalen Luftraum bleibt es beim Identifizieren und Begleiten. Beim Eindringen in den Hoheitsluftraum kann der betroffene Staat die Maschine zum Verlassen auffordern oder zur Landung zwingen.
Die Größenordnung
Alarmstarts sind Routine, keine Seltenheit: Nach Angaben der NATO stiegen Bündnisjets allein im Jahr 2023 mehr als 300 Mal auf, um russische Militärflugzeuge abzufangen. Jeder einzelne Start ist ein Vorgang, der dokumentiert wird — und der in der Summe die Karte ergibt, auf der die Bündnispartner den Luftraum beurteilen.


