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Das Grünwalder Stadion und die Stadionfrage: Warum das „Sechzger“ mehr ist als eine Spielstätte

Seit Jahrzehnten wird über die Zukunft des Grünwalder Stadions diskutiert. Warum ein Ausbau so schwierig ist, welche Alternativen im Raum stehen und was das „Sechzger“ für Giesing bedeutet.

Das Grünwalder Stadion und die Stadionfrage: Warum das „Sechzger“ mehr ist als eine Spielstätte
Redaktion
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Microsoft Katja (Neural, deutsch)

Wer in München nach dem „Sechzger“ fragt, bekommt selten nur eine Wegbeschreibung. Das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße in Obergiesing ist für den TSV 1860 München Heimat, Erinnerungsort und Streitfrage zugleich. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, ob es ausgebaut, ersetzt oder so belassen werden soll, wie es ist. Die Debatte verläuft in Wellen, sie kehrt mit jeder sportlichen Wendung zurück, und sie ist nie nur eine Frage des Fußballs. Es geht um Stadtplanung, um Nachbarschaft, um Geld der öffentlichen Hand und um die Frage, was ein Verein braucht, um in seinem Viertel verwurzelt zu bleiben.

Ein Stadion, das älter ist als die meisten seiner Debatten

Das Stadion an der Grünwalder Straße gehört zu den ältesten noch genutzten Fußballstätten in Deutschland. Seine Anfänge reichen in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, als der TSV 1860 dort einen eigenen Platz anlegte. Später ging die Anlage in das Eigentum der Stadt über, daher der offizielle Name „Städtisches Stadion“. Im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde es mehrfach umgebaut, nach Kriegsschäden wiederhergestellt, erweitert und später wieder verkleinert.

Für lange Zeit war das Grünwalder Stadion schlicht der zentrale Fußballplatz der Stadt. Auch der FC Bayern trug dort über viele Jahre seine Heimspiele aus, bevor mit dem Olympiastadion eine neue, große Arena zur Verfügung stand. Für die Löwen verbindet sich mit dem Ort vor allem die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte in den 1960er-Jahren, die bis heute das Selbstbild vieler Anhänger prägt. Wer im Stadion steht, steht also auch in einer Erzählung, die über Generationen weitergegeben wurde.

Der lange Weg weg aus Giesing – und zurück

Die Geschichte des TSV 1860 ist über weite Strecken auch eine Geschichte des Umziehens. Mit dem Olympiastadion zog der Profifußball der Stadt in den Norden Münchens, später folgte der Wechsel in die Arena in Fröttmaning. Aus Sicht der Planer war das folgerichtig: größere Kapazitäten, moderne Infrastruktur, bessere Vermarktung. Aus Sicht vieler Fans war es ein Verlust. Ein Verein, der sich über sein Viertel definiert, spielte plötzlich weit draußen, in einer Arena, die er sich zudem mit dem großen Stadtrivalen teilte.

Dass die Löwen schließlich wieder an die Grünwalder Straße zurückkehrten, war keine planvolle Heimkehr, sondern die Folge einer sportlichen und wirtschaftlichen Krise. Gerade deshalb erhielt die Rückkehr eine besondere Bedeutung. Für viele Anhänger war sie trotz der Umstände ein Neuanfang am richtigen Ort. Seither ist das Grünwalder Stadion wieder der Mittelpunkt des Vereinslebens – und mit ihm kehrte auch die alte Frage zurück, wie dauerhaft dieser Zustand sein kann.

Warum der Ausbau so schwierig ist

Auf den ersten Blick wirkt die Lösung naheliegend: das bestehende Stadion vergrößern und modernisieren. In der Praxis stößt ein Ausbau an mehrere Grenzen gleichzeitig.

Die erste ist der Platz. Das Stadion liegt nicht auf der grünen Wiese, sondern mitten in einem dicht bebauten Wohnviertel. Ringsum stehen Wohnhäuser, Straßen und Gewerbe. Wer höhere Tribünen plant, muss Abstandsflächen, Verschattung und den Lärmschutz für die Anwohner berücksichtigen. Jede zusätzliche Reihe Zuschauer bedeutet mehr Lärm, mehr Verkehr und mehr Menschen, die an Spieltagen durch die Straßen ziehen.

Die zweite Grenze sind die Anforderungen des Spielbetriebs. Je höher ein Verein spielt, desto umfangreicher werden die Vorgaben der Verbände, etwa für Sicherheit, Medienarbeitsplätze, Flutlicht, Rettungswege und die Trennung von Fangruppen. Ein Stadion, das für eine Liga ausreicht, kann für die nächsthöhere nur mit Ausnahmen oder größeren Umbauten zugelassen werden. Diese Abhängigkeit vom sportlichen Abschneiden macht langfristige Planung schwer: Gebaut werden müsste für eine Liga, in der man noch nicht spielt.

Die dritte Grenze ist die Eigentumsfrage. Weil das Stadion der Stadt gehört, entscheidet über größere Investitionen letztlich der Stadtrat. Damit wird die Stadionfrage zu einer kommunalpolitischen Abwägung: Wie viel öffentliches Geld soll in eine Spielstätte fließen, die vor allem einem Profiverein dient? Welche Gegenleistungen sind angemessen? Und wer trägt das Risiko, wenn sich die sportlichen Voraussetzungen ändern?

Die Alternativen und ihr Preis

In der Debatte tauchen immer wieder drei Grundmodelle auf. Das erste ist der Ausbau am bestehenden Standort, mit allen genannten Einschränkungen, aber mit dem unschätzbaren Vorteil der Lage. Das zweite ist ein Neubau an anderer Stelle, der mehr Kapazität und modernere Technik ermöglichen würde, den Verein aber wieder aus Giesing herauslösen könnte. Das dritte ist der Verbleib im heutigen Zustand, ergänzt um schrittweise Modernisierungen, die den Betrieb sichern, ohne die Grundstruktur zu verändern.

Jedes Modell hat Befürworter, und jedes hat einen Preis. Ein größerer Neubau verspricht höhere Einnahmen, birgt aber das Risiko eines Stadions, das bei ausbleibendem Erfolg halb leer bleibt. Ein Ausbau am Standort verlangt Kompromisse mit der Nachbarschaft und ist baulich anspruchsvoll. Der Status quo schont die Kassen, begrenzt aber die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Vereins. Hinzu kommt, dass Verein, Gesellschafter, Mitglieder und Stadt nicht immer dieselben Prioritäten setzen. Die Stadionfrage ist deshalb weniger ein technisches Problem als eine Frage der Einigung.

Was das Stadion für Giesing bedeutet

Für das Viertel ist das Grünwalder Stadion mehr als ein Ort, an dem alle zwei Wochen Fußball gespielt wird. Es prägt das Bild von Giesing ebenso wie der Kirchturm von Heilig Kreuz am Giesinger Berg oder die Wohnblöcke entlang der Tegernseer Landstraße. An Spieltagen verändert sich der Stadtteil: Kneipen und Imbisse füllen sich, Fans sammeln sich an den Haltestellen, Straßen werden zu Fußwegen. Das bringt Umsatz für die örtliche Gastronomie und den Handel, aber auch Belastungen – Lärm, Müll, zugeparkte Seitenstraßen, Polizeipräsenz.

Viele Anwohner haben sich mit diesem Rhythmus arrangiert, manche schätzen ihn ausdrücklich. Giesing war lange ein Arbeiterviertel, und der Fußball an der Grünwalder Straße gehörte zu dessen Alltag. Mit steigenden Mieten und dem Zuzug neuer Bewohner verändert sich der Stadtteil jedoch, und damit auch der Blick auf das Stadion. Was den einen als lebendige Tradition gilt, empfinden andere als Störung. Jede Ausbauplanung muss diese Spannungen ernst nehmen, wenn sie vor Ort Rückhalt finden will.

Gleichzeitig zeigt das Beispiel, wie wichtig gut erreichbare Sportstätten für eine Stadt sind. Das Stadion ist mit U-Bahn und Tram angebunden, viele Zuschauer kommen zu Fuß oder mit dem Rad. Ein Stadion im Viertel erzeugt andere Verkehrsströme als eine Arena am Stadtrand, die vor allem über Autobahn und Großparkplätze funktioniert. Auch das ist ein Argument, das in der Debatte um den Standort immer wieder eine Rolle spielt.

Mehr als eine Spielstätte

Dass ein vergleichsweise kleines, in die Jahre gekommenes Stadion eine so lange und leidenschaftliche Debatte auslöst, sagt viel über seine Bedeutung. Für die Anhänger des TSV 1860 ist das „Sechzger“ ein Ort der Zugehörigkeit. Hier sitzt man nah am Spielfeld, hier kennt man seine Nachbarn auf der Tribüne, hier hat der Verein auch in schwierigen Jahren seine Identität bewahrt. Die enge Bauweise, die in Planungsunterlagen als Nachteil auftaucht, ist für viele Besucher gerade der Reiz.

Für die Stadt wiederum ist das Grünwalder Stadion ein Stück gebaute Sportgeschichte und ein Beispiel dafür, wie Großstadt und Viertelkultur zusammenkommen. Wie immer die Stadionfrage am Ende beantwortet wird: Sie wird nicht allein in Planungsbüros entschieden, sondern im Zusammenspiel von Verein, Politik und Nachbarschaft. Wer die Entwicklungen rund um die Löwen laufend verfolgen möchte, findet Meldungen etwa beim unabhängigen Nachrichtenportal TSV 1860 Nachrichten; verbindliche Angaben veröffentlichen der Verein und die Stadt selbst.

Häufige Fragen

Warum heißt das Grünwalder Stadion „Sechzger“?

Der Spitzname geht auf den TSV 1860 München zurück, der die Anlage einst angelegt hat und mit dem sie bis heute eng verbunden ist. Offiziell heißt sie Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße.

Wem gehört das Grünwalder Stadion?

Das Stadion gehört der Landeshauptstadt München. Über größere Investitionen und Umbauten entscheidet deshalb letztlich der Stadtrat.

Warum lässt sich das Stadion nicht einfach vergrößern?

Es liegt mitten in einem Wohnviertel. Lärmschutz, Abstandsflächen, Verkehr und die Anforderungen der Verbände an höhere Spielklassen setzen einem Ausbau enge Grenzen.